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MUSIK

Bruno Gross

Ein Botschafter der Musik

Bruno Gross, der Begründer des Ravensburger Harmonika-Orchesters, lebte mit und für die Musik.

Nach dem Studium an der Musikschule in Trossingen gründete er 1933 das Ravensburger Harmonika-Orchester rund führte es nach einem Neubeginn am Ende des 2. Weltkrieges zu großen musikalischen Erfolgen.

Einwichtiger Dreh- und Angelpunkt seines Wirkens war dabei stets die Jugendarbeit – eine bedeutende Aufgabe, gerade auch in den Aufbaujahren nach dem Krieg.

Es gelang ihm immer wieder von neuem, junge Menschen für die konzertante Akkordeonmusik zu gewinnen und ihnen Freude am gemeinsamen Musizieren zu vermitteln.

Viele junge Menschen wuchsen so durch ihr Mitwirken, zunächst im Kinder-, sodann im Jugend- und Juniorenorchester und schließlich im Ravensburger Harmonika-Orchester in eine Gemeinschaft hinein, die ihnen eine sinnvolle Freizeitgestaltung, Geselligkeit und Geborgenheit im Kreis von Freunden bot, die durch ihr gemeinsames Interesse an der Musik miteinander verbunden waren.

Neben der anspruchsvollen und strengen musikalischen Arbeit waren es auch zahlreiche sonstige gemeinsam verbrachte Stunden, in denen es Bruno Gross gelang, mit seinem Humor und vielen unvergessenen Auftritten, sei es bei Hochzeiten, Ausflügen, Feiern oder anderen Anlässen, seine Spieler zu einer Gemeinschaft zusammenzuführen.

Bruno Gross und seine Spieler prägten auch ganz wesentlich das wieder erwachende Kulturleben der Stadt Ravensburg. Bruno Gross lud zu zahlreichen festlichen Konzerten im Konzerthaus und zu Platzkonzerten ein; er beteiligte sich mit seinen Orchestern am Rutenfest, spielte in Kirchen, Krankenhäusern und Altenheimen und ließ weihnachtliche Weisen unter den Christbäumen in der Stadt erklingen. Wir erinnern uns auch an die ersten Fastnachtsbälle für Kinder – zunächst im Waldhornsaal, dann in der Oberschwabenhalle. Viele Veranstaltungen wurden in Zusammenarbeit mit anderen Vereinen (Ballettschule Hoelzgen, Sängerbund Ravensburg, Gastorchester etc.) durchgeführt und schufen so neue Verbindungen und Freundschaften.

Doch das Wirken des Ravensburger Harmonika-Orchesters blieb nicht auf Ravensburg und seine Umgebung beschränkt. Bruno Gross trug seine Musik auch weit über die Grenzen Deutschlands und wurde so schon in den frühen Jahren nach dem 2. Weltkrieg in vielen Nachbarländern zu einem musikalischen Botschafter für die Stadt Ravensburg und Deutschland. Im März 1982 verstarb Bruno Gross. Für das Ravensburger Harmonika-Orchester, das seit November 1982 als eingetragener Verein besteht, ist es eine Verpflichtung, das Lebenswerks seines Gründers weiterzuführen.

Gabriele Weiß

RHO-Rhapsodia_Andalusia.mp3

60 Jahre Ravensburger Harmonika Orchester

Jubiläen sind immer Feste des Erinnerns und lassen die Vergangenheit wieder lebendig werden. Aus unzähligen Begebenheiten und Erlebnissen, die wir durch unser gemeinsames Musizieren erlebten möchten wir nun ein wenig aus der Schule plaudern.

1933 wurde das Orchester gegründet. Bereits 1934 konnte es auf einem Wertungsspiel in Müncheneinen 1. Preis erhalten. Viele Konzerte im einheimischen Raum folgten.

Dann kamen die Kriegsjahre dadurch wurde die weitere Arbeit des Orchesters jäh unterbrochen. Herr Gross mußte den Russlandfeldzug bis zum Ende mitmachen. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft begann er Ende 1945 mit dem Aufbau und der Neugründung des Orchesters.

Das Orchester war hier in Ravensburg die erste Gemeinschaft, die wieder aktiv war und öffentlich auftrat. Groß Schwierigkeiten gab es damals einen entsprechenden Raum zu finden, in dem wir gemeinsam und ungestört musizieren konnten. Der uns wohlgesinnte Fabrikant Ricker, dessen Tochter Ursula sowie seine Angestellte Martha Köhler, geb. Haessler, Mitglieder unseres Orchesters, stellten uns einen Raum in der ehemaligen Seifenfabrik Kiderlen zur Verfügung. Wir waren eine glückliche Musikantenschar und bei munter gespielten Schittenhelm-Ländlern, Märschen und Polkas, bei Walzern von Lehár zogen wir die diversen Seifengerüche durch die Stimmböcke unserer damals “edlen” Harmonikas hinein.

Andere Schwierigkeiten waren durch die Auflagen der damaligen Besatzungsmacht zu überwinden (z.B. abendliche Ausgangssperre). Auch mussten wir einige Instrumente abgeben, einige wurden uns sogar gestohlen. Nur durch Tausch und Beziehungen kamen wir nach und nach wieder zu “neuen Orgeln".

Gerd Wirthensohn und Uli Stetter, können davon berichten, auch von den Konzerten , bei denen die Besuche im Winter als Eintrittsgeld Holz und Kohle mitbrachten um den “Konzertsaal” überhaupt warm zu bekommen. Bei anderen Konzerten auf dem Lande war der Eintrittspreis meistens mit Naturalien abgegolten und oftmals wurden wir zum Dank für die gebotene Abwechslung im damaligen Alltag zu einem Vesper eingeladen.

Doch später rollte natürlich auch der “Rubel” in unserer Kasse. Wir hatten Geld wie Heu – Geld, für das man sich damals leider kaum etwas kaufen konnte. Kulturelle Veranstaltungen waren der Renner. Fernsehen gab es noch nicht und so waren unsere Konzerte immer überfüllt.

1951 Unsere erste Auslandsreise

Ziel war Feldkirch zum internationalen Wettbewerb. Damals “nur” 2 Stunden von daheim entfernt, aber immerhin Ausland. Wer dabei war, wird diesen ersten großen Erfolg nie vergessen, aber auch nicht unser Erlebnis im ehemaligen Jesuitenseminar, wo alle Orchester des Feldkircher internationalen Wettbewerbs untergebracht waren. Unsere Schlafsäle, genau getrennt nach “ Männlein” und “Weiblein”, selbst Ehepaare hatten keine Chance – denn wer hatte schon den Trauschein dabei. Ja so streng waren damals noch die Sitten. Doch dem Hausmeister, dem Hüter der Moral wurde natürlich ein Schnippchen geschlagen und die Feldkircher Geisternacht ging in die Analen des Orchesters ein.

Bruno Gross mußte nach dem Wertungsspiel zurück nach Ravensburg, um dort mit 200 Musikschülern am Rutenfestumzug teilzunehmen. Zur Preisverteilung wollte er wieder in Feldkirch sein. Doch die Panne blieb nicht aus. Während wir schon von unserem ersten Preis erfuhren und daß wir zum großen Galakonzert noch einmal spielen sollten, saß unser Bruno Gross an einem Straßenrand bei Bregenz und wechselte an seinem D. K. W einen Autoreifen aus. Wir saßen schon auf der Bühne und noch kein Dirigent in Sicht. Ein Glück, daß es Festredner gibt, die das Blaue vom Himmel herunter schwatzen, und damit die Zeit vergehen lassen können. Plötzlich ging die Tür auf, mit ölverschmierten Händen und schwitzend stand Bruno Gross vor dem Orchester auf der Bühne. In diesem Moment war es auch ihm klar, daß wir den ersten Preis gewonnen hatten.

1953 Ausgepfiffen

Keiner wird je das 1. Konzert im Kursaal von Meran vergessen. Es begann alles optimal – riesengroße Plakate mit der Ankündigung: “Celebre Orchestra di Fisarmònica di Ravensburg”. Wir begannen unser Programm mit unserem Bravourstück “La Gazza Ladra” – “Die diebische Elster” - von Rossini. Unser Stück war noch nicht verklungen, als die ersten Rufe des Publikums zu uns heraufklangen “bis – bis – bis”. Wir wurden immer “kleiner” und saßen da, wie die armen Sünder, denn wir verstanden (hier, wo man ja auch noch gut deutsch spricht) nur das Eine: “mies – mies – mies”. Dann, nicht endenwollender Beifall, und nun wußten wir, daß die “bis-Rufe” ein großes Kompliment waren und soviel hieß wie wiederholen”.

“Die Handharfe – ehemals verschreit”

1952 fuhren wir zum zweiten Mal zu einem Wettbewerb ins Ausland. Das Ziel war Yverdon in der französischen Schweiz. Das Ravensburger Harmonika-Orchester bekam den 1. Preis zuerkannt. Doch in Yverdon, wo hauptsächlich Orchester aus Frankreich, Italien und der Schweiz ihr Können zeigten waren wir nicht allein durch unser Spiel die Sensation dieser Tage, sondern erregten beim großen Festumzug durch die herrlich geschmückten Straßen wegen unseres deutschen Marschschritts ungewöhnliches Aufsehen und Heiterkeit. Wir wiederum amüsierten uns über den Trippelschritt der Franzosen und Italiener.

Yverdon brachte uns auch die Begegnung mit Menschen die zu damaliger Zeit Harmonika – Pioniere waren. Es waren die Herren Oehrli, Claude, Thöni und Anzaghi sen. und jun. Ihr Einsatz für die Harmonika - Bewegung kam nicht nur in der großen Yverdoner Festzeitschrift zum Ausdruck. Dort war unter anderem in der französisch- deutschen Übersetzung folgendes zu lesen:

“Die Handharfe – ehemals verschreit - hat die Widerstände der Hartnäckigen überwindet, sie hat heute wirklich das ideale und praktische Instrument, welches umwirkt in allen Mitteln die schöne und gute Musik zu verbreiten und zu lieben.”

Ja ehemals “verschreit”, dies sind die Worte, die schon lange gedruckt worden sind und leider sind wir auch heute noch dabei die Widerstände der “Hartnäckigen” zu überwinden.

Parkplatz? oder Marktplatz?

Pavia war fast unser zweites Zuhause - mehrmals spielten wir im Teatro, einer Nachbildung der Mailänder Scala. Hier holten wir auf Wettbewerben einige 1. Preise, auch den Akkordeon – Oskar. Hier spielten wir als erstes Akkordeonorchester in Italien überhaupt in einer Kirche, dem Dom zu Pavia, wo der Bischof selbst die Messe zelebrierte, hier bekamen wir die Einladung und Zusage in Rom im Vatikan zu spielen.

Aber Pavia brachte auch “Pannen”. Wie immer, wenn man schon spät in einer Stadt ankommt gibt es Probleme mit dem Parkplatz. Doch Helmut Hagmann, unser damaliger ständiger Italien – Chauffeur fand einen wunderbaren freien Platz, ganz in der Nähe des Hotels. “Glück muß man haben. Nach dem Abendessen, einem erfolgreichen Konzert, anschließender Feier mit den dortigen Studenten gingen wir todmüde zu Bett. In aller Herrgottsfrühe wurden wir jedoch aus dem Schlaf getrommelt. “Signore Autodista – avanti – presto - aufstehen!” Was war geschehen? Wir trauten unseren Augen nicht, als wir noch verschlafen an “unserem” Parkplatz ankamen. Um unseren Bus herum unzählige Marktstände, prall angefüllt mit den Früchten des Landes. Es war wohl gut, daß wir die italienische Sprache nicht so gut verstanden. Eine “grande Catastrofa”, und man gab uns zu verstehen, daß wir nun wohl oder übel hier bis Mittag eingekeilt bleiben mußten. Doch Bruno Groß war anderer Meinung, denn um 9 Uhr mußten wir in Stradella auf der Bühne sitzen und uns dem internationalen Wertungsgericht stellen. Mit Hilfe der Polizei und einem einzigartigen Palaver mußte der halbe Marktplatz mit all den Kartoffeln, Melonen, Apfelsinen, Salatköpfen und vieles mehr abgeräumt werden.

“Nit möööööglich” - Besuch bei Grock

Imperia brachte uns auch eine Einladung in die Privatvilla des weltbekannten Clowns GROCK. Dr. Adrian Wettach - so sein bürgerlicher Name - und seine Gattin waren liebenswürdige Gastgeber und zu seinem Anwesen mit Tempeln, Brücken , malerischen Teichen und der exotischen Blütenpracht konnte man nur mit Grocks Ausspruch: nit möööööglich” antworten. Er spielte uns auch noch auf seinem Akkordeon vor und gab uns folgende Worte mit auf den Weg:

“Sind sie immer glücklich mit ihrer Musik, denn sie lassen damit arm und reich, groß und klein für einige Stunden die Sorgen vergessen. Ich war immer glücklich, ein Clown gewesen zu sein.”

Attentate?

Das Konzert in Lucca fand auf einem wunderschönen, mittelalterlichen Marktplatz statt. Mit über 2000 Sitzplätzen war die Piazza gefüllt. Gerade als Bruno Gross sich seinen Weg zum Dirigentenpult bahnte, dann an der Rampe stand und zu einer Verbeugung ansetzen wollte, zerriß ein ohrenbetäubender Knall die erwartungsvolle Stille. Wir hörten einen schrillen Aufschrei. Er kam von Frau Gross, die unter den Zuhörern saß. Unser erster Gedanke: ein Attentat. Für einige Sekunden waren wir unsichtbar, denn dem Knall folgten dichte Rauchschwaden. Doch wir “lebten” und nach diesem vermeintlichen Attentat erstrahlte alles wieder im Festtagsglanze. Es war nur das Super-Blitzlicht eines Fotografen gewesen, welches von solch ungeheurer Stärke war um den riesig großen Platz auszuleuchten.

Im Gefängnis

Nach unserem großen Erfolg in Lucca die Bitte der Stadtväter: bitte spielen Sie doch in einem unserer Krankenhäuser oder im Gefängnis. Wir wählten das Gefängnis. Lauter “schwere Jungs” – lebenslänglich. Für uns ein kaum zu beschreibendes Gefühl. Dann ein Zwischenfall. Ein Gefangener bekam einen epileptischen Anfall und stürzte auf unsere Solistin Marianne Probst zu. Die Wärter kamen noch rechtzeitig, um das Schlimmste zu verhindern. Das eigentliche Wunder vollbrachte unsere Marianne, die ihre Ungarische Rhapsodie mit Ruhe und Sicherheit zu Ende spielte, als sei nichts geschehen.

Pleiten, Pech und Pannen

gab es immer wieder. Eine Spielerin ließ ihre Morino auf dem Bahnsteig in Milano stehen, im guten Glauben, ein anderer hätte sie mit in den Zug genommen. Und damals – es gab noch solche Wunder – bekam sie nach Monaten ihr Instrument über viele Umwege wieder zurück.

Ebenfalls auf einer anderen Bahnreise eine Panne: In Zürich fanden wir unseren vorbestellten Waggon nicht. Wohin mit den 30 Akkordeons, Privatkoffern, Pauken usw.? Doch nach unserer Reklamation schüttelte der Schweizer Beamte nur seelenruhig den Kopf und meinte: “Da lugets nur, Sie stehn ja davor, sell isch ihr Wagge, Wagge No. acht”. Ein großes Schild zeigte uns klar und deutlich wo wir hingehörten: “HEILSARMEE - RAVENSBURG” stand dick und fett drauf.

Auch in Ungarn am Plattensee hatte die Organisationsleitung des Kurortes unseren Auftritt verschlafen. Ein zugewiesener Platz, doch keine Sitzplätze für die Spieler. Aber selbst ist der Mann so trugen wir alle Parkbänke zusammen – nicht gerade bequem, und für die unzähligen Zuhörer bestimmt ein eigenartiger Anblick, was unseren Erfolg jedoch nicht beeinträchtigte.

Unter anderem stand in Berlin ein Konzert im Altersheim auf dem Plan. “Roter, großer Backsteinbau, Grünanlage davor, ganz leicht zu finden in Straße Numero Soundso” meinten unsere Berliner Freunde. So fuhren wir los. Provinzler in einer Großstadt. Wir fragten uns durch, doch keiner wußte Bescheid. Dann endlich: Backsteinbau, Grünanlage – das müßte es sein. Zwei Männer traten aus dem Toreingang, gestikulierten und winkten. Na endlich, es war wieder mal Millimeterarbeit bis wir mit unserem Riesenbus durch das Tor durch waren. In einem hell erleuchteten Innenhof stand eine todernste, aufgeregte Ärzte- und Schwesternschar. Tragbahren bereit haltend, so sprangen sie auf den Bus zu, traten jedoch gleich wieder zurück als sie sich einem quicklebendigen Musikantenvölkchen gegenübersahen.

Statt im Altersheim waren wir in einem Krankenhaus gelandet, die zur Stunde einen Bus Verletzter von einem Verkehrsunfall erwarteten.

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